21. November 2008

Unternehmenskommunikation 2.0



Vortrag Susanne Robra-Bissantz und Gerald Fricke, TU Braunschweig, 29.10.2008

20. November 2008

Die Geschichte vom Herrschaftswissen

Ich hörte die Fahrradbremsen bedrohlich quietschen. Ein alter Freund, mittlerweile Unterabteilungsleiter in einem sehr bedeutenden Unternehmen, wedelte hektisch mit seiner Pumpe: ”Du hier? Sag mal, warum muss ich eigentlich alle Sachen, die ich so mache, immer verschlagworten, oder wie es auf gut denglisch heißt: taggen?! Steht ja immer in Eurem komischen Blog.” Spöttisch verzog er seinen Mund.

“Nun”, sagte ich, “Du weißt ja: Wissen ist Macht, steht in Geheimtinte über Eurem Laden geschrieben. Deshalb wird das Wissen bei Euch in den Fluren, Schubladen, Kantinen und Rauchereckchen als Herrschaftswissen gehortet und gehütet. Irgendwann aber wird es komisch riechen und seinen gebunkerten Wert verlieren. Warte nur ein Weilchen!”

Eine Menge Schaulustiger hatte sich mittlerweile auf der Kreuzung eingefunden und verfolgte meine Rede. “Ist das überhaupt noch tragbar für Euer bedeutendes Unternehmen”, fragte ich in großer rhetorischer Geste. “Nein”, so antwortete ich, “wir brauchen ein Gegengift. Nieder mit dem Gemauschel der Kleingeister”, so skandierte ich, “freie Bahn der Genialität!”

“Was meint Du damit?”, beruhigte mich der Freund. “Intranet etwa? Das ist mir viel zu kompliziert. Außerdem finde ich grundsätzlich nie das, was ich suche, Amigo”. - “Richtig, mein Freund”, sagte ich und entwendete ihm die böse dampfende Luftpumpe. “Das ist Intranet 1.0, braucht kein Mensch. Warum findest Du kein vernünftiges kollektives Wissen im Intranet 2.0 Deines Saftladens?” - “Weil wir das nicht taggen, rabäbäh…” - “Richtig. Weil Ihr kein soziotechnisches Netzwerk geknüpft habt. Keine assoziative Verknüpfung aus Personen, Begriffen, Dokumenten und Internet-Adressen.” Ich lief zur Höchstform auf, brach die Luftpumpe entzwei und bellte in eine dargereichte Flüstertüte: “Was Ihr braucht: Ein semantisches Web! Herrschaftswissen ist 20. Jahrhundert, Alter! Vorbei, perdu!”

“Ja, aber wie geht das denn”, wimmerte der arme Mann, “und was ist mit meiner Pumpe?”. ”Ja gut”, beckenbauerte ich souverän zurück, “top-down funktioniert das nicht. Eine Frage Eurer Unternehmenskultur…” - “Puh…” - “Das muss man schon wollen. Bei IBM zum Beispiel gibt es Bluepedia, ein internes Online-Lexikon, das nach zwei Jahren mehr als 3000 Einträge von 800 Autoren, 386 000 Bookmarks und 40 000 Blogs verzeichnet. In den Public Files können Mitarbeiter selbst Dokumente hochladen, allen zur Verfügung stellen, für eigene Themen werben. Jeder darf alles wissen.”

Das saß. Einige aus der Menge applaudierten etwas zögerlich. Nachdenklich fuhr mein Freund weiter. Ich winkte ihm hinterher und bemerkte, dass sein Hinterrad eierte.

11. November 2008

Lehrstuhl-Gezwitscher

Neulich erreichte uns die freundliche Anfrage eines sympathischen Unternehmens, das wirklich erstklassige Produkte herstellt: Ob und wie man denn dieses neue Teufelszeug “Twitter” in die interne Unternehmenskommunikation einsetzen könne? Ob das nicht auch “sehr gefährlich” sei, wegen Datenschutz und so, und was das überhaupt bringe, “ganz konkret”? Und schließlich: Ob es dazu nicht auch schon “wissenschaftliche” Studien etc. gäbe?

Nun, antworteten wir, da seid Ihr bei uns genau an der richtigen Stelle. Wir kümmern uns um die Integration des “Mitmach-Webs” in die Unternehmenskommunikation - in Theorie und Praxis… Wir überlegen zum Beispiel, ob wir diese qualitativ neue Form des Austausches von Menschen mit einem “Strukturwandel der Öffentlichkeit” beschreiben oder mit der Theorie des kommunikativen Handelns (Jürgen Habermas) erklären können. Und wir schauen in die betriebwirtschaftliche Fachliteratur und fragen, wie sich die Investition in eine gelungene Kommunikation “rechnet” - und was, umgekehrt, eine schlechte, ineffiziente interne Kommunikation ein Unternehmen jeden Tag wirklich an Geld, Burn-Outs und Nerven “kostet”.

Reicht uns das? Nein. Um ein Gespür und gutes Gefühl für diese verrückten neuen Sachen zu bekommen besinnen wir uns auf das, was nach unserem Verständnis wahres wissenschaftliches Ethos ausmacht: Mit Neugierde und Offenheit der Erkenntnis - um nicht zu sagen: der Wahrheit - auf der Spur.

Das heißt: Wir probieren diese verrückten neuen Sachen einfach mal aus. Praktizieren das, was wir predigen. Und berichten über unsere Erfahrungen. Gestern also haben wir hier Twitter eingeführt, eine hübsche webzwonullige Plattform, die den Nutzer kurz und bündig fragt: Was machst Du gerade? Dafür hat man 140 Zeichen Platz zu antworten. Der Nutzer kann seine Freunde zum “Verfolgen” der Nachrichten einladen und selber die Nachrichten seiner Freunde - oder Kollegen! - verfolgen.

Wir vermuten: Das könnte durchaus etwas “bringen” in der internen Unternehmenskommunikation - sprich: in unserer internen Lehrstuhl-Kommunikation! Im Sinne einer “virtuellen Kaffeeküche”: Ich rufe einem Kollegen einen kleinen Geistesblitz zu, frage den nächsten nach dem Kick-Off-Termin morgen und den dritten nach dem aktuellen Kaffee-Durchlauf. Warum nicht gleich alle Kollegen - und Freunde! - daran teilhaben lassen? Warum jeden Geistesblitz dreimal auf dem Flur wiederholen?

Nun ist es nach einem Tag noch etwas früh, aber ich wage mich an ein erstes kurzes Zwischenfazit: Es macht tatsächlich Spaß! Schon mal nicht schlecht, oder? Und ich habe erfahren, dass es hier tatsächlich jemanden gibt, der eine alte Johnny-Cash-Cassette im Autokofferraum gefunden hat. Das habe ich vorher nicht gewusst, nach einem halben Jahr Lehrstuhlzugehörigkeit. Implizites Wissen über Johnny Cash ist explizit geworden. Nun weiß ich heute noch nicht genau, was ich mit diesem Wissen anfangen kann oder ob sich das, oh Gott, jemals “rechnen” wird. Eines aber weiß genau: Der Tag wird kommen, an dem ich dieses Wissen “brauche”. Genau dieses eine winzig kleine Informationsmolekül (”Johnny Cash im Kofferrraum”) wird den Unterschied ausmachen. Ich sags Euch…!

Nun möchte ich nicht die wissenschaftliche Theorie oder repräsentative, empirische Überprüfungen gegen das subjektive Erfahrungswissen ausspielen. Aber wenn wir den nächsten Termin bei unserem sympathischen Unternehmen mit den tollen Produkten haben, dann möchte ich sagen können: Ja, Twitter, sehr kompliziert, Habermas sagt das, Luhmann dieses und die Wirtschaftsinformatik überlegt noch. Aber wir haben es einfach mal ausprobiert - und, hey, es hat funktioniert!


Mehr zum Thema virtuelle Kaffeeküche und wie neue Medien die Welt der Unternehmen verändern hören Sie in der Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Susanne Robra-Bissantz. Am 26.11.2008, 17:00 Uhr, in der TU Aula.