29. Januar 2009

"Das Ende der Schublade"

Ob wir spazieren gehen, einkaufen oder uns unterhalten - ständig teilen wir die Lebewesen und Dinge, die uns umgeben, in verschiedene Kategorien ein: Bäume und Blumen, Milchprodukte und Gemüse, rostende Autos und nichtrostende. Diese Ordnung kommt ins Wanken, sagt David Weinberger. Wir müssen lernen, mit Chaos, Unordnung und Unschärfe umzugehen. Nur so lässt sich verstehen, warum Projekte wie Wikipedia funktionieren, warum YouTube oder Flickr so populär und erfolgreich sind. Jeder tauscht sich mit anderen Menschen aus, besorgt sich genau die Informationen, die er braucht und bringt sie in die Ordnung, die ihm für den Moment am besten nützt.

Mein dringender Lesetipp für heute. Steht jetzt in unserer kleinen, feinen aber chaotisch unsortierten Institutsbibliothek... Oder in meiner Schublade.

David Weinberger: Everything Is Miscellaneous, Times Books, 2007.

"Web 2.0 ist eine Einstellung"

Was ich damit meine: Der Begriff "Web 2.0" dient als Projektionsfläche unterschiedlichster Ansprüche, Erwartungen, Sehnsüchte und ökonomischer Interessen, die sich mit dem neuen "Mitmach-Web" verbinden.

Mich erinnert das an die gute alte medienwissenschaftliche Frage, um mal etwas abzuschweifen, was für ein Medium das Internet überhaupt ist oder sein soll (gähn). „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien", schreibt Niklas Luhmann über die "Realität der Massenmedien". Der Doppelsinn ist durchaus beabsichtigt: Die Massenmedien existierten real und produzierten gleichzeitig "Realität". Aber was heißt Realität? Im Sinne der Phänomenologie wird das Wissen über die Welt nicht als Gegenstand, sondern als Horizont vorausgesetzt. Also als unerreichbar. Deshalb bleibt, nach Luhmann, keine andere Möglichkeit, als Realität zu konstruieren, wie es die Massenmedien vollziehen, oder aber die "Beobachter" - eben die Massenmedien - zu "beobachten", wie sie diese Realität konstruieren. Das letztere zu leisten, schickt sich der Systemtheoretiker an.

Welche Gesellschaft entsteht, wenn sie sich laufend und dauerhaft über die Massenmedien über sich selbst informiert? Luhmanns Antwort: Die Medien erzeugen die "Probleme", die Lösungen erfordern, die wiederum Probleme erzeugen, die Lösungen erfordern. Die Funktion der Massenmedien liege einzig und allein im Dirigieren dieser Selbstbeobachtung der Gesellschaft; einer "Beobachtung zweiter Ordnung". Die Massenmedien zögen Kommunikation einerseits an, andererseits stimulierten sie weiterlaufende Kommunikation. Mit unseren armen Worten gesprochen: Solange sich montags alle über die Sportschau unterhalten, stimmt die Gesellschaft. Der Klatsch hält uns zusammen ("Theorie des Gedächtnisses der Gesellschaft").

So. Und was machen wir jetzt, wo sich jeder User mit seinen Blogs und YouTube sein eigenes Internet-Programm zusammenstellt? In der Systemtheorie spielen Individuen keine Rolle, weil überhaupt und grundsätzlich die Möglichkeit subjektbezogenen Handelns ausgeschlossen wird. Wenn aber die Individuen keine Bedeutung haben, die Systeme nun einmal so sind, wie sie sind, und von außen nicht "gesteuert" werden können, warum sind sie dann so, und wer hat sie überhaupt geschaffen: Gott oder Luhmann?

Was ich sagen möchte: Denken in Systemen läßt radikale Eingriffe oder Umbrüche eben nicht zu. Und eher keine angemessene "Einstellung" zum Web 2.0. Oder? Ende des Exkurses.

Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien, 2.Aufl., Opladen 1996.

Kommunikation 2.0

Im Web 2.0 entdecken die Konsumenten ihre neue Macht, tauschen sich über Unternehmen, Marken und Produkte aus. Und verbessern mit ihrem bewussten Shoppen sogar die Welt: Als Agenten der grünen Revolution sorgen die LOHAS (Individuen mit einem "Lifestyle of Health and Sustainability") mit ihrem "strategischen Konsum" für eine allgemeine Bionadisierung der Gesellschaft.

Und die Unternehmen? Machen da einfach mit, wenn sie schlau sind. Betreiben mit ihrer neuen Business-Moral ("Corporate Responsibility") einen modernen Ablasshandel. Und lassen den Kunden hinterrücks fröhlich und unbezahlt mitarbeiten.

Oder? Ist das so?

In unserem Forschungsprojekt Nachhaltige Kommunikation 2.0 geht es um die "gute" Verbindung der integrierten Unternehmenskommunikation mit nachhaltiger Entwicklung (ökonomisch, ökologisch und sozial) und nachhaltiger Kundenbeziehung, E-Business und Web 2.0.

In einer Diplomarbeit konzipieren wir zum Beispiel eine entwicklungspolitische Austauschplattform für afrikanische Ingenieure und internationale Firmen ("XING für Afrika").

In weiteren, empirischen Arbeiten möchten wir die Kommunikation ausgewählter Unternehmen untersuchen. Wir fragen danach, wie gut integrierte Unternehmenskommunikation und e-Business-Strategien wirklich "funktionieren", welche Medien und neuen Instrumente (z. B. Corporate Blogs) mit welchem Erfolg eingesetzt werden - und wie sich das auf Image und Umsatz auswirkt.

Intranet 2.0

Fragen wir mal so, ganz rhetorisch: Welcher Mensch, der seine Fotos über Flickr verwaltet, fröhlich misterwongt, youtubet und sich verxingt (bevor das im Duden steht!) braucht noch zusätzlich eine interne Austauschplattform in seiner Firma, in der alle alten "aktuellen News" der Website stehen und die Schlipsmodelle der letzen fünfzehn Jahre?

Mit Praxispartnern schauen wir nach raffinierteren Formen der integrierten Kommunikation. Dazu bieten wir unseren Partnern (auch im Rahmen unseres Innovationsseminars) die Beratung, Konzeption und Umsetzung von Webprojekten, wie zum Beispiel einem "Intranet 2.0", an. Und die iterative Überprüfung von Websites in unserem Testlabor.

In der Regel gehen wir in drei Schritten vor:

  • Phase 1, Konzeption: Überzeugt das Kommunikationskonzept? Wie wird es von Mitarbeitern, Anwendern und Kunden aufgenomment?

  • Phase 2, Kreation: Überzeugt der Website-Entwurf (Navigation, Usability, Emotionsmessung, Look & Feel)? Wo sind Stoppstellen?

  • Phase 3, Anwendung und „Web-2.0“-Test: Wie verläuft die Interaktion der Nutzer (Bereitschaft eigene Inhalte zu produzieren, Austausch mit anderen, Senden und Empfangen etc.)


In der Konzeptionsphase fragen wir zum Beispiel:

  • Wie wird das bestehende „soziale Internet“ von den Mitarbeitern schon genutzt, außerhalb des Unternehmens? Mit welchen Web-2.0-Anwendungen?

  • Welche „bewährten“ Anwendungen im Netz (Googlemaps, Social Bookmarks, Facebook etc.) und neuen Werkzeuge („Märkte für Ideen“ etc.) lassen sich gut ins Intranet integrieren?


Unsere Idee fürs Intranet 2.0 heißt: Wir verbinden Menschen, Ideen und Dokumente. Und es darf sogar Spaß machen!

Gut gesagt!

Wildfremde Menschen sprechen uns an, beim Einkaufen, im Stadion, auf der Straße. Wie das denn wäre, ob wir nicht mal das Intranet oder die Website ihrer Firma auf Vordermann bringen könnten…

Ja, natürlich, sagen wir dann. Wir sind zwar keine Internet-Agentur, nur ein kleines, feines Uni-Institut. Aber ein sehr praxisorientiertes Institut, dass mit seinem Netzwerk schicke Sachen auch direkt umsetzen kann. Und so helfen wir, wo wir können: Wir kennen die heißesten Sachen, referieren den Forschungsstand, bieten Seminare und Workshops an, erstellen Konzepte und überprüfen alles, was zu prüfen ist.

“Sie sind also das Berater-Institut für Kommunikation 2.0?”, schlussfolgern die freundlichen Menschen. “Ja”, sagen wir dann, “und vielen Dank: Schöner hätten wir es selber gar nicht ausdrücken können!”

Web on, Wirtschaftsinformatik

Was sollte ein fertiger Bachelor oder Master der Wirtschaftsinformatik im Web eigentlich so "können", als kreativer und technisch versierter Internet-Konzeptioner...?

Als Wirtschaftinformatiker wollen wir ja zwischen den Wirtschaftswissenschaften und der Informatik gut "vermitteln". Bezogen auf die Arbeit eines Internet-Konzeptioners formulieren wir also den Anspruch, dass ein guter Wirtschaftsinformatiker zum Beispiel eine Web-Kampagne von mehreren Seiten her "denken" und gestalten kann; dass er sich sowohl mit den Kreativ-Fritzen, den Marketing-BWL-Leuten als auch den Programmieren gut versteht und halbwegs kompetent austauschen kann. Weil er die wissenschaftlichen Grundlagen und das wichtigste Rüstzeug der Praxis kennen gelernt hat... Oder?

Mal konkreter: Welche Erwartungen knüpfen sich zum Beispiel an Drehbücher oder technische Webmodellierungen? Was muss man wissen über HTML, CSS, PHP, JSP, Ajax und Konsorten, was fällt uns zu viralem Marketing ein? Was heißt e-Readyness oder Online-Projektmanagement, wie geht die kreative Idee für eine Website, das Konzept für ein Blog, die Verknüpfung aller Kommunikationskanäle im Netz? Welche Kenntnisse über Wordpress, Photoshop etc. werden erwartet? Was heißt Usability? Na, undsoweiter.

Wir bleiben dran...

21. Januar 2009

Usability 2.0



Gerald Fricke: Usability 2.0. Neue Konventionen im Mitmach-Web? Vortrag, TU Braunschweig, 26.11.2008.

Die Usability-Päpste heißen Jacob Nielsen oder Steve Krug ("Don't make me think", 2006). Dann gibt es noch diverse Normen, zur "benutzerorientierten Gestaltung interaktiver Systeme" zum Beispiel oder zur "Software-Ergonomie für Multimedia-Benutzungsschnittstellen". Na, und so weiter...

Und die provokante, und damit wissenschaftlich interessante Frage? Wäre doch zum Beispiel, ob diese vermaledeiten Regeln nicht einen explorativen, kreativen "Flow" beim Surfen stören - oder ob diese Regeln überhaupt noch zum Web 2.0 passen. Was nützt es mir z. B. wenn ich weiß, dass die Hauptnavigation nicht mehr als fünf Punkte umfassen soll, wenn ich auf eine Website mit Tagcloud aber gänzlich ohne klassische Navigation stoße. Ist das dann wirklich ein "falsches" Webdesign...!?

Und mal grundsätzlich: Was meinen wir denn mit Webseiten, die wir auf ihre Usability überprüfen wollen? Orte, zu denen man gehen kann mit rechteckige Seiten? Im Web 2.0 sind diese Seiten häufig aus Datenströmen aus ganz unterschiedlichen Quellen zusammengesetzt (von den Usern selbst), das wird von Nielsen et allii überhaupt nicht reflektiert.

Also: Unser Forschungsinteresse sehe ich eher in der Frage, in welche Richtung sich neue Konventionen für Tagclouds, Blogrolls, Krümelnavigation und diverse Mitmach-Tools entwickeln könnten. Denn vernünftige Konventionen machen das Leben durchaus angenehmer. Ich möchte mich auch im Web 2.0 darauf verlassen können, dass ein Warenkorb "Warenkorb" heißt - und nicht "schwupps, schon gekauft!"...

Meine Thesen wären also:

  • Im Web 2.0 entwickeln sich neue Konventionen (und zwar: permanent beta)

  • Aber: Das Spannungsverhältnis von Kreativität und Usability bleibt

  • Diesen Widerspruch gilt es immer wieder neu und pragmatisch aufzulösen

  • Und wie? Dazu eignet sich ganz hervorragend das Situierungskonzept...

  • Daraus folgt: Methodenvielfalt auch beim Überprüfen der Usability (Testkonzept, im Testlabor, mit Fragebögen, "Web2.0-Check" etc.)


Also, weiter geht's...